Wenn ich den Leuten erzähle, dass ich die kyrillische Schrift nicht nur lesen sondern auch schreiben kann, werde ich des öfteren angeschaut als wenn ich gesagt hätte, ich beherrsche die Sumerische Sprache wie meine Muttersprache und kann darüber hinaus Notizen in der Keilschrift verfassen.

Гутeн Taг, лиeбeр Лeзep!

Nein! Die Zeile oben war weder eine romulanische Botschaft noch ein klingonischer Schlachtruf sondern einfach der deutsche Satz Guten Tag, lieber Leser! Buchstabe für Buchstabe mit kyrillischen Buchstaben verfasst.

Und viele von diesen Menschen, die mich dann verwundert anschauen haben eine hohe Bildung genossen: Uni-Studium, Abschluss einer Fachhochschule etc. Irgendwie ist das kyrillische Alphabet für viele in West- und Mitteleuropa etwas ganz exotisches.

Daher dachte ich mir ich schreibe ein paar Sätze zu diesem Alphabet, welches in großen Gebieten Europas verwendet wird.

Die erste Schrift

Obwohl sowohl in China aus dem 7. Jahrtausend als auch in heutigen Serbien (Vinča-Zeichen) aus dem 6. Jahrtausend v. Chr. beschriftete Objekte gefunden wurden, so ist dass dennoch höchst umstritten ob es sich tatsächlich um eine Schrift oder Vorläufer einer Schrift handelt, die auch als solche genutzt wurde oder ob die Zeichen lediglich als Symbole benutzt wurden um zum Beispiel Eigentum an einem Gegenstand zu bekräftigen. Also ähnlich einem Wappen.

Daher gilt die Keilschrift als die älteste Schrift, da hierfür die Belege unbestritten sind. Sie wurde im Vorderen Orient vom 34. Jahrhundert v. Chr. bis mindestens zum ersten Jahrhundert n. Chr. genutzt. Also ganze 3.500 Jahre.

Der Ursprung der europäischen Alphabete

Die Wege des lateinischen und des kyrillischen Alphabets

Die Wege des lateinischen und des kyrillischen Alphabets; selbst gemachte Grafik

Zuerst die Phönizier…

Im 11. Jahrhundert v. Chr. wurde von den Phöniziern eine Konsonantenschrift entwickelt, die aus 22 Zeichen bestand. Dadurch dass die Phönizier auf Handel und die Seefahrt spezialisiert und den wichtigen Handel im Mittelmeer geprägt haben, hat sich diese Schrift schnell verbreitet.

… und dann mal wieder die Griechen

Die Griechen haben diese Schrift aufgenommen und weiter entwickelt. Ab dem 9. Jahrhundert v. Chr. nutzen die Griechen für Ihre Sprache das Griechisches Alphabet. Unter anderem wurden die Zeichen für die Vokale eingeführt. Aus diesen und ein paar weiteren Gründen gilt das Griechische Alphabet als die erste Alphabetschrift.

… wie schon gehabt: die Römer assimilieren es

Aus dem griechischen Alphabet hat sich im 7. Jahrhundert v. Chr. die etruskische Schrift entwickelt. Die Römer hatte lange enge Kontakte mit den Etruskern und haben diese nach und nach assimiliert. Basierend auf dem Alphabet der Etrusker haben Sie dann das lateinische Alphabet entwickelt, welches mit kleineren Abwandlungen, bis heute in großen Teilen der Welt genutzt wird.

Und zum Schluss kommt Byzanz ins Spiel

Bereits einige Zeit vor dem Untergang des Weströmischen Reiches hatte das Oströmische Reich die führende Rolle in diesem Duo übernommen und nach dem Untergang von Westrom war Ostrom – später Byzantinisches Reich – nicht nur eine starke Regionalmacht sondern im 6. Jahrhundert n. Chr. sogar die führende Macht im gesamten Mittelmeerraum.

Byzantinisches Reich um 555 n. Chr, während der Regierungszeit von Justinian dem I

Byzantinisches Reich um 555 n. Chr, während der Regierungszeit von Justinian dem I.
By TatarynOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Dem Byzantinischen Reich fiel nicht nur die Aufgabe zu die südöstliche Flanke Europas zu sichern sondern auch die im 6 und 7. Jahrhundert einfallenden Süd- und später auch die Ostslawen zu christianisieren.

Um die neu anrückenden Völker und Stämme dem christlichen Glauben zuzuführen musste auch eine passende Schrift her.

Daher wurde das glagolitische Alphabet um 863 von dem byzantinischen Mönch Konstantin von Saloniki (Kyrill) für die Mission in Pannonien und Mähren weiterentwickelt. Die Schrift wurde u.a. entwickelt um die kulturelle Eigenständigkeit der Slawen zu betonen.

Verbreitung des kyrillischen Alphabets in Europa

Verbreitung des kyrillischen Alphabets in Europa.
By OlahusOwn work, Public Domain, Link

Einige Jahrzehnte nach dem Tod von Kyril, wurde eine neue Schrift entwickelt und ihm zu Ehre, nach ihm benannt. Wie, wann und wo die kyrillische Schrift entstanden ist, ist bis heute noch recht umstritten. Nach heutiger Auffassung ist sie in Ostbulgarien, Mitte des 10. Jahrhunderts entstanden.

Diese neue Schrift hat dann vergleichsweise schnell die Glagoliza verdrängt und wird heute unter anderem in folgenden Ländern als einzige Schrift der Amtssprache verwendet: Russland, Weißrussland, Ukraine, „Makedonien“ (FYROM) und Bulgarien.

In Serbien, Montenegro und Bosnien werden sowohl die kyrillische als auch die lateinische Schrift für die Amtssprache verwendet… das ist auch der Grund, um den Kreis zum Anfang des Artikels zu schließen, warum ich beide Alphabete beherrsche.

In Rumänien hat man die kyrillische Schrift noch bis 1862 benutzt.

Nur zur Info: in der obersten Grafik findet man drei kyrillische Buchstaben: Ж, Ш und Д. Der erste entspricht keinem deutschen Laut, aber einigen Lauten in Fremdwörtern: Journal, Garage. Der zweite entspricht dem lateinischen Š, welches es in deutscher Sprache nicht als Buchstaben gibt, aber als Laut in Schule. Der dritte Buchstabe entspricht dem lateinischen D.

Quellen

  1. Wikipedia: Kyrillisches Alphabet
  2. Wikipedia: Geschichte der Schrift
  3. Wikipedia: Vinča-Zeichen
  4. Wikipedia: Griechisches Alphabet
  5. Wikipedia: Alphabetschrift
  6. Wikipedia: Etruskische Schrift
  7. Wikipedia: Byzantinisches Reich
  8. Wikipedia: Glagolitische Schrift
  9. Wikipedia: Rumänische Sprache

Verfasst von Vladimir

Vladimir Simović, arbeitet seit 2000 mit HTML und CSS und seit Januar 2004 mit WordPress. Im Laufe der Jahre hat er diverse Fachbücher und Fachartikel publiziert. Weiterlesen…

  1. Hallo Vlad, so exotisch finden wir Brandenburger, Thüringer, Ostberliner, Mecklenburger, Sachsen und Anhaltiner das garnicht. Jeder, der hier vor 1980 geboren wurde, hatte Russisch als erste Fremdsprache und Pflichtfach im Schulunterricht noch kennengelernt. Lesen und Schreiben dürfte da kein Problem sein, mit Verstehen und Sprechen wird es schon etwas dünner.

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